Reisebericht 5
Mexico (November 2000)
Unsere Nervosität stieg mit jedem Kilometer, welchen wir näher zur mexikanischen
Grenze kamen. Alle unsere Papiere waren griffbereit: Pässe, Carnet de Passage,
internationaler Führerscheine und Fahrzeugausweis, sowie ein paar Dollars für die
Beamten. Zu unserem Erstaunen winkte man uns einfach durch - Bienvendidos a Mexico! Halt,
so einfach geht das natürlich nicht! Wir brauchten doch noch all unsere Stempel,
Bewilligungen und Versicherungen. So drehten wir um und kämpften uns 3 Stunden durch den
Stempel- und Bewilligungsdschungel.
Mit den nötigen Papieren verliessen wir Tijuana und fuhren auf dem Hwy No 1 die Baja
California hinunter. Dort erwartete uns eine abwechslungsreiche Panamericana durch
Kakteenwüsten (manche werden über 10 m gross), Berglandschaften und unwirkliche
Gegenden, im Hintergrund immer das Blau des Pazifiks oder des Golf von Kalifornien.
In Guerrero Negro durchstreiften wir die grösste Salzgewinnungsanlage der Welt (durch
Verdunsten des Meerwassers). In dieser Bucht kommen auch jährlich zwischen Dezember und
Januar die Wale aus Alaska zum Kalben, da der hohe Salzgehalt das Gebären erleichtert.
Ein gebrochener Frontstabilisator zwang uns in der Stadt den besten aller Schweisser
aufzusuchen: Juan Lopez Lopez, auch "El Champion" genannt. Er brutzelte uns
dieses Teil dermassen an die Vorderachse, dass eher das ganze Auto auseinanderbricht,
bevor sich dieses Teil auch nur bewegt!
Durch diesen Halt in Guerrero Negro trafen wir wieder auf Massimo und Angela. Er aus
Genua, sie aus Hong Kong, sind schon seit April 2000 auf ihrer 14-jaehrigen Yamaha
XT-Enduro unterwegs. Sie begannen ihre Reise in Italien, fuhren quer durch Russland,
flogen über die Bering-Strasse nach Alaska und sind seither auch auf der Panamericana
unterwegs. So beschlossen wir, für einige Tage zusammen weiterzureisen. Wir entschieden
uns, für einen kleinen Umweg an die Pazifikküste. Daraus wurde eine 3-Tages-Offroad Tour
mit ganz üblen Strassen. Unsere Durchschnittsgeschwindigkeit lag bei satten 25 km/h! Die
"Waschbrett-Strassen" schüttelten uns alle Schrauben am Camper locker. Dafür
entdeckten wir einsame(!) Strände, welche nur aus kleinen, weissen Muschel bestanden. Und
wir konnten die Pelikane beobachten, welche in Schwärmen von bis zu 100 Stück elegant
hintereinander knapp über die Wellen gleiteten, oder senkrecht ins Wasser tauchten, um
Fische zu fangen.
In La Paz nahmen wir die Fähre nach Los Mochis, auf das mexikanische Hauptland. Wir
mussten "lausige" CHF 520.-- für eine 8-Std.-Nachtfahrt bezahlen! Wie kann sich
ein Mexikaner das nur leisten? Beim Ticketschalter lernten wir Hanspeter Böhler aus
Ettingen kennen. Dieser 64-jaehrige Individualist ist seit 4 Jahren mit seinem Fahrrad
unterwegs. Er geht zwischendurch immer wieder nach Hause, das nächste Mal um als
Waggiswagen-Fahrer an der Fasnacht auszuhelfen.
Auf der Fähre trafen wir viele interessante Travellers, mit welchen wir an der
Openair-Bar des Schiffes bei lauter Salsa-Musik und einigen Bierchen unsere Reisestories
austauschten. Da waren unteranderem zwei aus Südafrika, welche von Kalifornien nach
Tierra del Fuego und zurück in 3 Monaten wollten. Oder ein kanadisches Pärchen,
unterwegs mit einem "Deeke"-VW Bus, auf der Suche nach dem optimalen Standort
zur Eröffnung einer Strandbeiz. Gegen 02.00h suchten dann alle mehr oder weniger
betrunken nach einer Schlafgelegenheit auf Deck oder drinnen, um noch ein paar Stunden
Schlaf zu erhaschen.
In Los Mochis trennten wir uns von Massimo und Angela. Dort liessen wir (ungern)
Syydiaan für 2 Tage auf einem Hotelparkplatz stehen, um eine Zugsfahrt durch den
weltbekannten Kupfercanyon zu machen. Während 11 Stunden kämpfte sich die qualmende
Diesellok über 40 Brücken (... musst du gehen) und durch hunderte Tunnels vom Meer auf
2400m nach Creel. Dabei durchfährt man tropische Vegetationen, Kokos- und
Baumwollplantagen, später enge Canyons und dichte Wälder, vorbei an hohen Wasserfällen.
Bei El Divisadero wird ein 15 Min. Stopp eingelegt, um den bekanntesten Canyon, den
Barranca del Cobre, zu überblicken. Wirklich eindrücklich! In Creel übernachteten wir
in DEM örtlichen Backpacker, Las Margaritas. Wieder wurden unter all den Reisenden viele
(Räuber-)Geschichten erzählt - erstaunlicherweise waren dort fast
nur Schweizer und Deutsche.
Am nächsten Mittag machten wir uns auf den Rückweg nach Los Mochis. Wir fuhren in die
Nacht hinein (bumms, auah) und konnten so die Schluchten bei einer sensationellen
Vollmondnacht bestaunen. So kam die Dramatik dieser Strecke noch besser zum Tragen, und so
sah man die abgestürzten Waggons und die immerwieder verschütteten Geleise nicht mehr so
genau!
Unsere Reise führte uns weiter der Küste entlang nach Mazatlan, einer amerikanischen
Tourismusstadt mit wunderbaren Stränden. An einem solchen fanden wir ein geniales
Plätzchen für 2 Nächte (mit stündlicher Polizeiüberwachung!).
Dann entschieden wir uns für die Erkundung des Landesinneren. Wir überquerten die Sierra
Madre Occidental auf einer kurvigen Strasse, welche als "Espinazo del Diablo"
(Rückgrat des Teufels) bekannt ist. Durango und Zacatecas sind 2 grössere Städte auf
dieser über 2000 m liegenden Hochebene. In Zacatecas wird uebrigens das Corona-Bier fuer
die ganze Welt gebraut. Ganz nebenbei: Corona wird in Mexico entweder ohne Limonen oder
mit Limonen und Salz (wie Tequilla) getrunken (mmmhhh!).
Unser nächster Halt war in Guanajuato, einem wunderschönen Kolonialstädtchen,
welches mit seinen engen Gässchen und Pastellfarben bemalten Häuser und Paläste in die
Hügel eingebettet liegt. Diese durch Silberminen reichgewordene Stadt bietet auch heute
noch viel Kulturelles, so z.B. das jährliche Cervantino-Festival zu Ehren des Don Quijote
- Schriftstellers. Oder die allabendlichen Konzerte auf dem Zocalo. Der Zocalo ist der
typisch mexikanische Hauptplatz eines Ortes, auf welchem man sich abends zum Flanieren und
Plaudern trifft.
In Cuernavaca, einer Stadt südlich von Mexico City, blieben wir für 3 Tage auf dem
Campingplatz. Diese für Sprachschulen bekannte Stadt liegt eine Autobahnstunde von D.F.
(Distrito Federal = Mexico Stadt) entfernt und ist ein Erholungsgebiet oder Lebensraum
für reiche Mexikaner.
So nutzten wir die Nähe zum D.F. und fuhren mit dem Pullman Bus in die 20
Millionenstadt. Wir wählten dazu (zufällig) den 20. November, den Tag der Revolution von
1910. Das hatte Vor- und Nachteile. Vorteil war, dass es kaum Leute in der Stadt hatte, da
alle frei hatten und es deshalb weniger Verkehr und weniger Smog hatte. Nachteil: vieles
war geschlossen, so auch das bekannte Museum für Anthropologie. Man kann eben nicht alles
haben! Entgegen aller Warnungen empfanden wir diese Stadt als schön, erstaunlich sauber
und ungefährlich. Wir zottelten den ganzen Tag durch diese Prachtstrassen mit den
riesigen Denkmälern und Monumenten, den Palästen und Kirchen und den Unmengen von grün
- weissen VW Käfer - Taxis.
Weiter ging´s nach Taxco, einem unter Denkmalschutz stehenden Kolonialstädtchen.
Dieses gehört zu den schönsten Städten des Landes. Ziegelgedeckte, weisse Häuser mit
typischen Rundbogenfenstern, enge und steile Gassen sowie kleine Plätze mit schmucken
Brunnen schmiegen sich an tiefe Taleinschnitte. Die Stadt ist auch berühmt wegen seiner
"platerias" (Silbergeschäfte).
Von Acapulco gibt´s nicht viel zu berichten: sehr teure Hotelklötze, Bars und Discos
säumen diese Bucht. Bekannt sind natürlich auch die "clavadistas", die
Klippenspringer, welche 4x täglich von 25m bzw. 35m in die enge Schlucht ins Meer
springen. Eine Nacht, welche wir im Camper auf dem Parkplatz eines teuren Hotels
verbrachten, war für uns genug. Wir mussten uns wieder an das klebrig-warme Klima am Meer
gewöhnen: 35 Grad am Tag und 25 Grad in der Nacht! Da brachten auch die 27 Grad des
Meeres keine Abkühlung!
Wir fuhren weiter der Pazifikküste entlang und übernachteten immer wieder in
kleinsten Örtchen direkt an den wunderschönen Stränden. Dort findet man immer
Strandhütten (cabañas), Hängematten unter Palmdächern (hamacas y palapas) oder
Standplätze für unseren Camper. Bei Fr. 3.-- pro Tag kann man sich auch mehrere Tage
bzw. Nächte dort leisten.
So zum Beispiel am Strand von Mazunte, wo wir eine gute Zeit mit einem holländischen
Pärchen, einer Dänin und einem Kalifornier mit Baden, Body-Surfing und BBQ am Strand
verbrachten. Diese Bucht ist bekannt für ein Schildkröten-Institut. Wir waren mit dabei,
als für ein Berliner TV-Team 150-einen-Tag-alte-Schildkroetenbabies ins Meer gelassen
wurden. Einheimische und Touristen standen dazu in einer Reihe am Meer und jeder erhielt
ca. 5 Schildkrötenbabies in die Hand. Auf Kommando wurden sie in die Freiheit gelassen
und sie kämpften sich in die Fluten. Leider überlebt nur 1% dieser Tierchen, d.h. 1 - 2
Stück werden es nach 3 Jahren zurück an diesen Strand schaffen, um dort wieder Eier zu
legen.
UNTERWEGS AUF MEXICOS STRASSEN
Panamericana heisst auch Kilometerfahren. Oftmals verbringen wir bis zu 6 Stunden auf
den "carreteras", was aber meistens sehr abwechslungsreich und interessant ist.
Die grösste Abwechslung schaffen die unzähligen "topes"
(Geschwindigkeitsschwellen), welche in jedem Dorf mehrfach anzutreffen sind. Immer wenn
man wieder so richtig beschleunigt hat, kommt die Nächste, damit man wieder fast auf Null
abbremsen muss. Dieses Prozedere erhöht auch den Dieselverbrauch und die
Reparaturanfälligkeit, da viele schlecht oder gar nicht markiert sind. Diese Topes werden
oft von einheimischen Verkäufern genutzt, um irgend etwas auf der Strasse zu verkaufen.
Gibt es über längere Abschnitte keine Topes, baut das Militär Checkpoints auf. Hier
darf man sogar aussteigen und den schwerbewaffneten Jungs das ganze Fahrzeug zeigen. Es
gibt auch Kombinationen: Checkpoints mit Topes!
Stoppen sollte man auch bei Rotlichtern (zumindest als Nichteinheimische). Hier wird es
aber selten langweilig. "Artisten" treten als Limonenjongleure (mit bis zu 6
Limonen!) auf oder Clowns geben ihr Bestes, um von den wartenden Automobilisten etwas Geld
zu erhalten.
Anhalten ist auch erforderlich bei Flussüberquerungen mit fehlenden Brücken. So fehlt
z. B. auf dem Highway 200 zwischen Acapulco und Puerto Escondido die Brücke über den Rio
Grande schon seit 25 Jahren, ist aber auf den wenigsten Karten so vermerkt.
Abbremsen ist auch empfehlenswert bei den vielen Tieren neben oder auf dem Highway.
Nicht selten sieht man überfahrene Schweine, Hunde, Hühner, Esel und sogar Kühe und
Pferde.
Langsamfahren ist manchmal sehr wichtig. Viele abbruchreife Fahrzeuge sind auf Mexicos
Strassen unterwegs. Man kann nie wissen, wann sie auseinander fallen. Viele haben auch
keine Beleuchtung (Bremslichter fehlen oder Blinker gehen nur zeitweise). Unsere MFK
hätte hier ihre wahre Freude.
Eigentlich spielt sich das mexikanische Leben generell auf oder neben der Strasse ab:
Abfallberge, Taco-Stände, spielende Kinder, primitive Hütten und "Tante
Emma-Läden" entlang der Strasse wechseln sich ab. Gibt es einen Fussballplatz im
Dorf, so müssen die Fussballer sich das Feld oft mit Kühen teilen (die Kühe stehen
dabei meist im Tor!).
Trotz der Armut und des einfachen Lebens sind die Leute überall sehr freundlich und
hilfsbereit.